Carnival der Kulturen - Die Freiheit der Straße

Ein Überblick von Uschi Dresing

 

Hintergrund und Geschichte

Carnival, Karneval, die Fastnacht und karnevaleske Umzüge waren und sind dazu da, die Regeln des Alltags zu durchbrechen. Das karnevaleske Werk lebt durch Umkehrungen, durch Persiflagen, durch Kritik der gesellschaftlichen und politischen Strukturen, durch das Parodieren der Hierarchien. Die ursprünglichen Karnevals und volkskulturellen Feste haben immer etwas mit den wechselnden Jahreszeiten und der Zeitenwende zu tun: Winteraustreibung, Fruchtbarkeitsriten, Beginn der Fastenzeit Carnevale (Fleisch ade).

Seit einigen Jahren gibt es bei vielen Menschen ein verstärktes Bedürfnis, nach eigenen Vorstellungen zu feiern, sich mehr mit ihrem Lebensumfeld zu identifizieren. Besonders zum Jahrtausendwechsel wurde deutlich, dass sich breite Bevölkerungsschichten immer weniger kreativ betätigen, singen, ein Instrument spielen, in den Straßen tanzen. Viele Menschen haben die Fähigkeit verloren, im öffentlichen Raum zu feiern.

Karibische Migranten haben es uns vor Augen geführt, was wir vermissen, als sie den Trinidad Carnival in den Londoner Sommer transformierten und daraus den Notting Hill Carnival entwickelten: Hier kam plötzlich die Leichtigkeit und Qualität der alten, schon halb vergessenen Feste, Umzüge und Zeremonien wieder zum Vorschein.

Seit dem frühen Mittelalter gab es in London Umzüge ­ Beating the Boundary. Die Bevölkerung kontrollierte die Grenzsteine ihrer Stadtteile. In früheren Zeiten wurden die Kinder an den Grenzsteinen mit Ruten geschlagen, damit sie nie vergessen sollten, wie weit ihre Stadtgrenzen gingen. Heute findet diese Zeremonie immer noch statt. Die Schulkinder der Westminster Schools umkreisen die Grenzen ihres Stadtteiles und schlagen mit Ruten auf die Grenzsteine, als Ausdruck der Verbundenheit mit der Community und damit sie nie vergessen, wo sie leben und wer sie sind.

Der Notting Hill Carnival

Anfang der fünfziger Jahre wurden Arbeitskräfte der karibischen Inseln von der britischen Regierung angeworben. Sie wurden in schlecht bezahlten Arbeitsbereichen eingesetzt, in denen die aus dem Krieg heimkehrenden britischen Soldaten nicht mehr arbeiten wollten. Auch die Wohnsituation der neuen Arbeitsmigranten war schwierig. In vielen Stadtteilen waren sie nicht erwünscht. Die Wohnungen, die sie bekommen konnten, waren in schlechtem Zustand und die Mieten fast unbezahlbar.

Viele der karibischen Arbeitsmigranten konnten schließlich in dem damals heruntergekommenen Stadtteil Notting Hill unterkommen. Hier entstand 1965 aus einem Stadtteilkinderfest mit 300 Beteiligten und einer karibischen SteeIpan Gruppe der Notting Hill Carnival. Die heimwehkranken Trinidadier wollten ein Stück ihrer Kultur von Port of Spain und San Fernando nach London transportieren.

Acht Jahre später entwarf und baute Lawrence Noel die ersten karibischen Carnival-Kostüme in England. 1975 wurde auch der Stadtteil Notting Hill, wie viele andere Londoner Wohngebiete, ein Forum der politischen Unzufriedenheit gegen Diskriminierung und Benachteiligung der schwarzen Einwanderer mit britischer Staatsangehörigkeit. Die englische Politik und Polizei versuchten, die Massen und die chaotische Situation beim Carnival zu kontrollieren, während die karibischen Bewohner von Notting Hill die Freiheit der Straße verteidigten. In einer Atmosphäre gegenseitigen Misstrauens und Missverständnisses verzehnfachte die Metropolitan Police ihr Aufgebot innerhalb eines Jahres.

1976 endete der Carnival mit einem blutigen Aufruhr, den so genannten Notting Hill Riots. In den folgenden Jahren bildete sich auf Druck der Polizei das Notting Hill Committee und entwickelte neue Strategien.

Noch heute ist der Notting Hill Carnival keine Parade, sondern jede Gruppe bestimmt selbst, innerhalb eines vorgegebenen Zeitkontingents, den Zeitpunkt der Präsentation ihrer Kostüme.

Anfang der achtziger Jahre begann das Arts Council of London, die künstlerische Entwicklung in den Disziplinen Steelpan, Calypso und Mas (Masquerade) finanziell zu unterstützen. Inzwischen besuchten mehr als 400.000 Besucher den Carnival. Von Anfang an gab es Kostümwettbewerbe. Seit den frühen neunziger Jahren wird eine jährliche Gala in renommierten Hallen wie dem Kensington Olympia, dem Wembley Stadion, dem Millennium Dome, dem Royal Opera House in Covent Garden und dem Alexandra Palace abgehalten. Designer und Gruppen, die mindestens drei Jahre durch besondere Kreationen auffallen, werden vom Arts Council of Great Britain oder von London Arts berufen, sich durch Exposés und Zeichnungen für den Notting Hill Carnival zu qualifizieren, um eine finanzielle Unterstützung zu erhalten.

In Mas Camps (Mas = Masquerade) werden das ganze Jahr Kostüme gebaut. Die Mas Camps sind Orte, an denen gemeinsam geplant, gearbeitet, und gefeiert wird. In diesen Mas Camps entstehen die neuen Produktionen. Etwa vierzig Gruppen aus London arbeiten das ganze Jahr an Projekten und beteiligen sich an vielen Carnivals oder anderen Paraden und Kulturveranstaltungen.

In England gibt es in 27 Städten karibische Carnivals. Soziale Kontakte werden geknüpft, Probleme ­ auch beruflicher oder sozialer Art ­ werden dort debattiert und nach Lösungen für die Betreffenden gesucht. Viele Akteure verbringen ihre gesamte Freizeit dort und bringen sich mit ihren entsprechenden Fähigkeiten ein, sei es durch Nähen, Design, Metallrahmenbau, Dekoration, Workshops, Kochen, Ausbau der Arbeitsräume usw.

Die Mas Bands haben 35 bis 500 Mitglieder pro Gruppe, bis zu achtzig Prozent davon sind Frauen. In den Neunzigern wird der Notting Hill Carnival zu einem mitreißenden Massenereignis. Es ist das größte schwarze Kulturfestival Europas, nach Rio de Janeiro der zweitgrößte Carnival der Welt. Soca, Calypso, Chutney, Dub, Jungle, Reggae, Steelpan bestimmen den Sound der Straße. Live-Bands, Soundsystems und Kostüme markieren die Richtungen des Carnivals. Fast jedes Jahr wird hier ein neue Musikrichtung erfunden. In den letzten fünf Jahren platzt der Notting Hill Carnival aus allen Nähten. Seit ein paar Jahren werden 2 Millionen Zuschauer an drei Tagen gezählt. Der Carnival ist fast unorganisierbar geworden, und die 20.000 Akteure aus den Bereichen Musik und Kostümbau weichen zum Teil auf kleinere, überschaubarere Feste und Carnivals aus.

Der Notting Hill Carnival, der lange die Balance zwischen Stadtteilfest und Weltdimension halten konnte, läuft nach 40 Jahren Gefahr, von seinem eigenen Erfolg erschlagen zu werden.

Das europäische Festland und die Sommer-Carnivals

Der Kreis hat sich wieder geschlossen. Vom alten Europa durch spanische, französische, portugiesische und englische Kolonisierung nach Lateinamerika und in die Karibik gekommen, ist die Bewegung der neuen Sommer-Carnivals über London wieder zurück auf das europäische Festland geschwappt.

Für viele Sommer-Carnivals ist der Notting Hill Carnival eine Inspiration, grenzübergreifende lebendige Kultur auf die Straßen zu holen. Die Berliner Love Parade nahm sich die Notting Hill Soundsystems zum Vorbild, der „Karneval der Kulturen" in Berlin und der Bielefelder „Carnival der Kulturen" orientieren sich an den Music-Live-Bands, den Masqueradegruppen und dem Charakter der Parade. Der Unterschied ist, dass die Carnival-Veranstalter in Nordrhein-Westfalen, Shademakers und Welthaus Bielefeld, ein möglichst breites Spektrum der in der Region lebenden Kultur- und Migrantengruppen ansprechen wollen. Ursprünglich als „Carnival of Hidden Cultures" ­ Carnival der Versteckten Kulturen ­ gedacht, sollen sich eingewanderten und einheimischen Menschen, Kinder und Jugendlichen, Künstler und Laien ihre Stadt oder Region als Bühne erobern, auf der sie ihre eigene Identität und Kultur zum Ausdruck bringen können.

Die Stadt wird zur Bühne ­ der Bielefelder Carnival der Kulturen

Mit jährlich wechselnden Mottos wie: „The Spirit of Friendship“, „Für Kreativität und Toleranz“, „People Need People“, „Artists, Makers, Movers, Shakers“, „Dialog der Kulturen“ ­ findet seit 1997 der Carnival der Kulturen in Bielefeld statt.

Der Carnival bringt innovative, zeitgenössische Kunst in die Stadt, er versteht sich als Fest der Farben, Vielfalt, Völkerverständigung und zum Ausprobieren und Experimentieren. Er möchte den Aktiven eine öffentliche Bühne geben und besonders jungen Teilnehmern und Teilnehmerinnen eine Chance bieten, ihren eigenen Stil und ihre eigende Ausdruckskraft zu finden.

Jenseits von manchmal verkrusteten Kulturangeboten versuchen Künstler und Laien spartenübergreifende Bereiche, wie Musik, Tanz, Kostüm- und Maskenbau, Theater und Performance, mit neuen Augen zu sehen und Kulturformen zu kreieren, die sich mit einem veränderten Europa und einer globaleren Welt auseinandersetzen.

Der Carnival der Kulturen ist ein „Kulturfest von unten“. Gruppen der freien Kulturarbeit, Schulen, Vereine, Initiativen, Menschen unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft, aus über 40 Ländern, haben sich zusammengefunden, um eine unverwechselbare Identität der Region zu erarbeiten. Ob jung oder alt, der Carnival ist für alle da, die sich ein Stück Einfluss und Lebensqualität zurück erobern wollen. Die ganze Stadt wird zur Bühne, der Himmel zur Kulisse. Das gemeinsame Konzept ist, andere Kulturen verstehen zu lernen und neue, kulturelle Ausdrucksformen zu erfinden.

Die Aktiven erarbeiten sich jedes Jahr ein neues Thema und bauen, choreografieren oder komponieren zu den von ihnen gewählten Inhalten. Manche Gruppen stellen sich die Aufgabe, eine mehrjährig dauernde Produktion eines umfassenderen Themenkomplexes umzusetzen. Die Themenwahl ist unbegrenzt. Sie kann sich aus der Geschichte, der Philosophie, der Kultur, der Mythologie oder aus gesellschaftlichen Zusammenhängen entwickeln. Andere Gruppen wählen abstrakte, humorvolle oder spielerische Themengebiete. Die Gruppen, die sich ernsthaft mit dieser neuen Kunstform befassen sind allein auf ihre eigene Fantasie und Initiative angewiesen.

Finanzielle Unterstützung für die oft zeit- und arbeitsintensiven Produktionen gibt es kaum. Manchen Akteuren gelingt es, Sponsoren und Unterstützung in kleinerem Rahmen über berufliche oder private Kontakte zu bekommen. Andere Gruppen veranstalten so genannte Solidaritätsfétes, um über die Einnahmen ihre Materialien und Auslagen finanzieren zu können. Bei den Fétes treten verschiedene Musik-, Tanz- und Kostümgruppen auf. Die Gruppen versuchen, auch neue Mitglieder zu gewinnen oder ihre Kostüme zum Verkauf anzubieten. Für die semi- und professionellen Theater-, Tanz- und Musikgruppen sind Auftritte bei anderen Kulturfesten, Betriebsfeiern und Paraden leichter zu bekommen, denn dafür hat sich schon ein gewisser Markt gebildet.

Für die Bildhauer, Künstler, Designer und Kostümbaugruppen ist es wesentlich komplizierter. Die Strukturen müssen erst von einzelnen Pioniergruppen geschaffen werden. Die Honorare sind nicht fest etabliert und Schwankungen unterworfen. Der enorme Zeitaufwand besonders bei innovativen Projekten rechnet sich kaum. Einzelne Performer schaffen es dennoch, sich einen Marktwert auf niedriger Stufe zu erarbeiten, aber auf die Gefahr hin, ihr künstlerisches Potenzial zu verwässern, kitschig oder trivial zu werden.

Im Moment gibt es erst wenige Gruppen, die versuchen, mit ihren Großinstallationen sowohl künstlerische Integrität und Innovationsfähigkeit zu bewahren als auch ihren Lebensunterhalt mit dieser neuen Kunstform zu bestreiten. Selbst die Materialbeschaffung ist ein großes Problem. Viele der leichten Materialien, wie Fiberglas und andere Leichtbaumaterialien, Federn, leichte wasserabweisende Spezialstoffe und Folien, sind nur schwer in Deutschland zu bekommen oder fast unbezahlbar. Eine Infrastruktur für gern verwendeten Recyclingmaterialien muss erst mühsam von Einzelnen aufgebaut werden. Doch die meisten Carnivalgruppen sind von diesen Problemen nur am Rande berührt. Sie verstehen die jährliche Planung und Umsetzung ihres Themas als kreative, sinnvolle Freizeitbeschäftigung, als ein Forum, um auszuprobieren und zu experimentieren.

Carnivaleske Strukturdaten

Das erste Projekt in Nordrhein-Westfalen, die Carnival Opera „Carnival Carnivore“, mit Akteuren und Künstlern aus den Partnerstädten Rochdale/England und Bielefeld, fand im Rahmen des Bielefelder Sommerkulturprogrammes schon 1994 in Bielefeld und Schwalenberg statt. Die Kontakte entstanden durch jahrelangen Austausch und der internationalen Zusammenarbeit zwischen Künstlerorganisationen der Partnerstädte. Es dauerte noch weitere drei Jahre, bis sich die erste Parade der Kulturen durch die Straßen des Bielefelder Westens bewegte.

Mit finanzieller Unterstützung der Landesregierung Nordrhein-Westfalen und der Bezirksregierung in Detmold konnte das Veranstalterteam aus Kulturamt Bielefeld, Welthaus Bielefeld und Shademakers zusammen mit 32 Musik-, Kostüm-, Tanz- und Sportgruppen den Carnival der Kulturen durchführen. Es war ein vorher in Bielefeld nie gesehenes Ereignis, 50 schwarze Akteure in atemberaubenden, gigantischen Kostümen zu erleben. Kinder und Erwachsene boten voller Leidenschaft und Präsenz ihre Kultur einer verblüfften Öffentlichkeit dar.

Im zweiten Jahr startete der Carnival wieder im Bielefelder Westen, führte durch die Innenstadt und endete im Osten der Stadt mit einem Bühnenprogramm der Aktiven im Ravensberger Park. In den folgenden Jahren steigerte sich die Zahl der beteiligten Gruppen auf 70, und auch die Zuschauerzahlen stiegen von 15.000 (1997) auf 100.000 (2004). Im Jahr 2003 setzen sich die am Carnival aktiv beteiligten Gruppen folgendermaßen zusammen: 46 Gruppen kommen aus Bielefeld und der näheren Region, einem Radius von 30 Kilometern; 14 Gruppen stammen aus Nordrhein-Westfalen, hauptsächlich aus dem Ruhrgebiet; sieben Gruppen sind aus anderen Bundesländern angereist, und vier internationale Gruppen aus dem Ausland beteiligen sich am Carnival der Kulturen.

Viele Initiativen kooperieren mit anderen Vereinen spartenübergreifend. Die meisten Gruppen erarbeiten eine Choreografie für die Straße und die Bühne. Musikerlnnen bauen selbst Kostüme. Tanz- und Kostümgruppen treten gemeinsam mit Samba-, Perkussion- oder Socainitiativen, beziehungsweise Soundsystems, auf. Insgesamt nehmen 25 Musikgruppen, 18 Kostümbau-, 14 Tanz- und Performancegruppen, fünf Theater-, drei Stelzenlauf- und einge Circusgruppen teil. Weiterhin gibt es noch sieben bewegliche Soundsysteme. Von den Gruppen sind 25 in Vereinen organisiert, drei Volkhochschulkurse engagieren sich, acht soziale Institute oder Einrichtungen, sieben Schulen, acht Kindergruppen. Sieben Behinderteneinrichtungen und 14 freie Kulturgruppen haben sich neu zusammengefunden, seit es den Carnival der Kulturen gibt.

Aktivitäten und Entwicklungen

Der Carnival versteht sich als gemeinsame Praxis von Künstlern aller Disziplinen und Akteuren aus der soziokulturellen Szene, von Kindern, Jugendlichen, Einheimischen und Einwanderern.

Neu ist, dass Themen von den Gruppen gewählt werden, die sich mit ihren Wurzeln, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft befassen.

Der Carnival ist nicht nur auf das Ereignis der Parade beschränkt. Viele Gruppen planen und beschäftigen sich monatelang mit der Umsetzung ihrer Themen. Einige Wenige entschließen sich eher spontan für die Teilnahme, was sich in der künstlerischen Umsetzung oder in der Präsentation widerspiegelt.

Die Arbeitsgemeinschaft lädt etwa ein halbes Jahr vor dem eigentlichen Carnival die Gruppen zu regelmäßigen Treffen ein, um Inhalte, Organisationsformen und offene Fragen zu diskutieren und um die Interessen der Gruppen wahrzunehmen. Die Auseinandersetzung mit Kultur ist für die Teilnehmerlnnen des Plenums ein Mittel der Kommunikation im Kontext von Motivation, Leidenschaft, Sinn und Handlung.

Durch die Präsentation auf der Straße entsteht ein neuer Dialog mit dem Publikum. Auch die Kinder und Jugendlichen genießen das Bad in der Menge, sobald sie Passivität und Schüchternheit abgeschüttelt haben. Bei einem Treffen mit den Leitern der Kindergruppen sagten die Kinder einstimmig, dass sie besonders die unmittelbare Nähe und den Applaus der Zuschauer genießen, weil sie die Wirkung ihrer Aktion direkt in den Gesichtern der Zuschauer „lesen“ und so ihre Handlung verändern oder den Dialog mit dem Publikum aufnehmen können.

Der lange Weg von der Randgruppenkultur zur Anerkennung

Die kulturelle Ausdruckskraft der hier lebenden Migrantenlnnen wird oft von der Politik und der einheimischen Bevölkerung ignoriert. In anderen europäischen Ländern hat sich die sogenannte Randgruppenkultur schon längst zu einem anerkannten, kreativen Potenzial der Gesellschaft entwickelt und wird auch als Wirtschaftsfaktor ernstgenommen. Bei Kulturveranstaltungen, wie dem Carnival der Kulturen, werden ausländische und einheimische Kulturen nicht von Außen eingekauft, sondern vor Ort entwickelt. Dadurch entsteht ein spezifisches Flair, ein nicht austauschbares Ereignis. Die Akteure entscheiden selbst, was gemacht wird, sie lösen sich in gewisser Weise von den Institutionen.

Visuell besonders überzeugend nehmen Migrantlnnen Einfluss auf die Stadt und die Region, in der sie leben. Sie vermitteln Lebensgefühl und Kultur ihrer ehemaligen Heimat und verändern aktiv und zukunftsgerichtet ihre Umwelt. Das gilt besonders für die vielen Kinder und Jugendlichen, bei denen der Carnival der Kulturen oft die erste konkrete Erfahrung mit Kultur und Öffentlichkeit darstellt.

Menschen aus etwa 40 Nationen nehmen am Carnival der Kulturen in Bielefeld teil. Die meisten leben und arbeiten in der Region Ostwestfalen-Lippe. Von Jahr zu Jahr ist der Anteil der Gruppen, die sich aus verschiedenen Nationalitäten zusammensetzen, größer geworden. Manchmal ist das am Namen der Gruppe sichtbar, wie DRK Kita Weltweit oder IBZ Internationales Tanzprojekt.

Interkulturelle Sommerprogramme als Chance

Der Carnival der Kulturen ist ein Forum der Begegnung mit Menschen, Kulturen, Lebensstilen und internationaler Kunst. Der öffentliche Raum wird mit Kreativität und Lebensfreude neu belebt. Diese vermischt sich mit der Wiederbelebung der Städte, ein anderes Zusammengehörigkeitsgefühl, eine neue Verantwortlichkeit und Kommunikation entsteht und verbindet die Menschen mit ihrer Region.

Heutige europäische Städte brauchen den Dialog zwischen Menschen, Ländern und Kulturen. Nur so findet eine Vernetzung unterschiedlicher Kunstformen und Kulturen statt. Die Zusammenarbeit von semi- und professionellen Künstlern mit Laien wird gefördert. Menschen, die vom herkömmlichen Bildungssystem benachteiligt sind, können eine neue Chance im Zugriff auf kreative Prozesse gewinnen. Der Austausch und das Miteinander zwischen den Kulturschaffenden geben neue Impulse zur künstlerischen Betätigung. Die Stadt als öffentliche Bühne kann als Sprungbrett für regionale Künstler und künstlerische Laien genutzt werden. Carnivalkunst ­ lebende Skulpturen und interaktive Großinstallationen ­ sollte als Möglichkeit gesehen werden, über die Etablierung einer innovativen Kunstform in Europa auch langfristig neue Berufsfelder zu erschließen. Nicht zuletzt wird die Stadt ein unverwechselbares, lebendiges Profil gewinnen, abgesehen von den kreativen Ressourcen, die sich erst in der Zukunft zeigen werden. „Turn the world upside down“, heißt es in einem Carnival-Lied aus Trinidad. Carnival-Kunst ist eine visuelle Illusion, die Fiktion einer auf den Kopf gedrehten Realität. Bewahren wir unsere Fiktionen auch im Alltag, retten wir unsere Träume in die Realität, verwirklichen wir unsere Wünsche und Bedürfnisse nach Gemeinschaft, Toleranz und Kreativität im Hier und Jetzt und in den Städten, in denen wir auch morgen noch leben wollen.